SZ Sueddeutsche – Türkische Community in München: Mittendrin, aber nicht dabei

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Die Landwehrstraße im Münchner Bahnhofsviertel: Hier leben und arbeiten viele Türken. Doch statt nach teilweise jahrzehntelangem Aufenthalt München als ihre neue Heimat betrachten zu können, fühlen sich viele Zuwanderer und deren Nachkommen noch immer nicht anerkannt.

 

Zwei Menschen ermordete der NSU in München, seitdem fühlen sich viele Türken unsicher. In einer Woche beginnt der Prozess gegen den rechten Terror – und große Verärgerung kommt dazu. Einige vermuten, man habe türkischen Journalisten absichtlich den Zugang zum Gerichtsaal verweigert.

 

Das südliche Bahnhofsviertel an einem frühen Freitagabend: Autos schlängeln sich durch die Straßen, vorbei an parkenden Lieferwägen, und auf den Gehsteigen herrscht ein Betrieb, als gäbe es kein Morgen. Bahnreisende eilen durch die Goethestraße, Rollkoffer hinter sich herziehend auf der Suche nach ihrem Hotel; drei Frauen im schwarzen Tschador spazieren im Zeitlupentempo an den Schaufenstern vorbei; vor der Tabledance-Bar “Sexyland” stehen ein paar unschlüssige Jugendliche, und beim Herrenfriseur Makos sieht man palavernde Männer, die darauf warten, einen neuen Haarschnitt verpasst zu bekommen.

 

Ganz besonders hoch her geht es im “Süper Market Verdi” in der Landwehrstraße. Da sind Frauen mit Kopftüchern, die drei, vier Tüten voller Lebensmittel zu ihrem Auto schleppen. Da sind Männer mit Wollmützen, die sich einen Döner genehmigen. Ein grauhaariger Mann, Typ Altmünchner Rentner, betastet die Auberginen und legt die besten in seine Tüte. Jugendliche mit Rapper-Caps umarmen sich zur Begrüßung, eine elegante Lady steigt aus ihrem kleinen Flitzer, um kurz vor Toresschluss noch einzukaufen.

 

München ist in diesem Viertel so bunt wie sonst nirgendwo – ein bisschen orientalisch und ein bisschen verrucht, da bodenständig und dort weltoffen, mal prollig, mal schillernd im Talmiglanz.

 

Es ist ein Zustand, den gutwillige Einheimische mit “passt scho” kommentieren würden. Aber einiges passt nicht mehr in diesen Tagen. Das ist zu spüren, wenn man das Treffen des “Türkenrats München” besucht, das an diesem Freitag in den Räumen des türkischen Unternehmervereins Müsiad in der Goethestraße stattfindet. Der Türkenrat ist ein Gremium aus türkischen Vereinen, das sich die Integration der in München lebenden Landsleute zum Ziel gesetzt hat, getreu dem Motto: “Seine Wurzeln kennen und gleichzeitig die deutsche Kultur und ihre Werte verinnerlichen.” Auf den Tischen liegt frisches Obst, dekorativ serviert in Schalen, es gibt Tee in den traditionellen türkischen Gläsern.

 

“Ich hätte erwartet, dass sich das Gericht anders verhält”

Unsichtbar aber geistert etwas durch den Raum, das die etwa 25 türkischstämmigen Menschen, die hier zusammengekommen sind, bedrückt. Es ist der sogenannte NSU-Prozess, das Verfahren um die Mordserie der Terrorzelle “Nationalsozialistischer Untergrund”, das kommenden Mittwoch vor dem Oberlandesgericht München beginnt. Es ist der Wirbel um die Vergabe von Reporterplätzen, bei der die türkischen Medien leer ausgingen. Und es sind die Gedanken an die Ermordeten, die, mit einer Ausnahme, ausländische Wurzeln hatten so wie alle hier an den gastlich gedeckten Tischen.

 

“Ich hätte erwartet, dass sich das Gericht anders verhält”, sagt Salim Sahin, der Vorsitzende des Müsiad. “Dass man die türkischen Journalisten und auch türkische Repräsentanten einlädt.” Sahin lebt seit 1981 in Deutschland, er hat einen Handwerksbetrieb und eine Handelsfirma. Als Unternehmer ist er integriert in das Stadtleben und die hiesige Gesellschaft, er ist keiner, der sich ausgeschlossen fühlt. Dennoch ist ihm mulmig angesichts der Ermittlungspannen bei der Aufklärung der Mordserie. “Ich finde es schade, dass es so lange gedauert hat, bis die Täter gefunden wurden.” Bei aller Verunsicherung – er glaubt an einen fairen Prozess. “Am Gericht will und kann ich keine Zweifel haben.”

 

Nükhet Kivran, die das Treffen leitet, äußert sich weniger diplomatisch. “Die Empörung in der türkischen Community ist groß”, sagt sie. Kivran ist die Vorsitzende des Münchner Ausländerbeirats, sie kennt die Stimmung in den türkischen Familien. Warum, frage man sich da, hat es zehn Jahre gedauert, bis die Mörder – eher durch Zufall – ermittelt wurden? Warum hat die Polizei den Opfern so lange kriminelle Verbindungen unterstellt? Und jetzt noch die “inakzeptable” Sache mit den Plätzen im Gericht.

 

“Da hat man in Deutschland einen Punkt erreicht, wo man wirklich nicht mehr vertrauen kann”, sagt Kivran. Die Rechtsextremisten hätten keine Angst mehr, offen aufzutreten, auch in der Mittelschicht gebe es mittlerweile Rassismus und Ausländerfeindlichkeit. “Ich habe selbst zwei Kinder, die hier geboren und aufgewachsen sind, und beide fühlen sich halt nicht mehr wohl in dem Land.”

 

Auch der 23-jährige Cihangir Cetin ist in München geboren. Er arbeitet als Bürokaufmann im Familienbetrieb, hat viele deutsche Freunde – kurz gesagt: Er ist ebenso Münchner wie jene, deren Vorfahren schon in der Prinzregentenzeit in der Stadt lebten. Doch seit der NSU-Mordserie ist das Grundvertrauen, hier sicher leben zu können, erschüttert. “Man hat schon mehr Ängste und Sorgen.”

 

Ähnlich geht es der Studentin Özge Karaci. Eigentlich hat sie eine positive Meinung über die deutsche Gesellschaft. Aber “in diesem Fall bin ich sehr enttäuscht”. Dass die Justiz keine Plätze für türkische Medien im Gerichtssaal reservieren wollte, hat sie geärgert, ja “wütend gemacht”. Wie verunsichert gerade die junge Generation der türkischen Einwandererfamilien ist, schildert ein Vater, der lieber anonym bleiben möchte.

 

Als er mit seinen zwölf und fünfzehn Jahre alten Söhnen über die NSU-Morde sprach, habe er erklärt, die Männer seien allein deshalb umgebracht worden, “weil sie braune Augen und schwarze Haare hatten”. Das war “ein Schock für die Jungs”. Sie haben ja selbst braune Augen und schwarze Haare. Aber bis dahin sei das nie ein Problem gewesen. Besonders ärgert den Familienvater, wie die CSU mit Einwanderern umgeht. “Sie ist nicht in der Lage, uns das Gefühl zu vermitteln, dass sie für uns da ist.”

 

Mit wem immer man an diesem Abend spricht: Alle sind empört, dass das Gericht den türkischen Medien keine Plätze zur Verfügung gestellt hat. Der Prozess, erzählt Coskun Belek, Vorsitzender des Sportvereins FC Anadolu Bayern, ist auch bei den Vorstandskollegen in seinem Klub Thema Nummer eins, und einige vermuten, dass man den türkischen Journalisten absichtlich den Zugang verweigert habe. Nach allem, was da gelaufen ist, sei das Vertrauen in die Justiz angekratzt. Und Cihan Sendan, der Bundesvorsitzende der Deutsch-Türkischen Freundschaftsföderation, ergänzt: “Wir machen uns schon Gedanken. Gibt es da was zu verstecken?”

 

“Es gibt keinerlei Fingerspitzengefühl”

Süleyman Aydin war 25 Jahre alt, als er nach Deutschland gekommen ist. Der heute 59-Jährige hat geschuftet, hat einen kleinen Betrieb gegründet, einen Reifendienst mit sechs Angestellten. Seit den NSU-Morden ist ihm unbehaglich, wenn abends in der Dämmerung fremde Leute in die Werkstatt kommen.

 

Da hat, so darf man das verstehen, einer den Schalter umgelegt: Plötzlich kommt Angst auf. Das Land, das sicher zu sein schien, zeigt mit einem Mal eine hässliche Fratze. Und wie befremdlich sei es doch, dass die Polizei die Morde als Racheakte im Mafia-Milieu gewertet habe. Dazu dieses “hässliche Wort”, unter das man die Verbrechen subsumierte: “Döner-Morde”.

 

Gäbe es, fährt Aydin fort, in der Türkei eine ähnliche Mordserie mit deutschen Opfern: Was würden die Menschen in Deutschland sagen, wenn von “Bratwurstmorden” die Rede wäre? Ob man die polizeilichen Ermittlungen betrachte oder das Verhalten des Gerichts: “Es gibt keinerlei Fingerspitzengefühl”, sagt Aydin. “Man gibt sich Mühe, Arbeitsplätze für junge Leute zu schaffen. Im Endeffekt aber fühlt man sich doch nicht zugehörig.”

 

Wolfgang Görl

 

Quelle:

SZ

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